Archiv: Tannoed


Schauspiel nach dem Roman von Anna Maria Schenkel
Bühnenfassung von Tim von Kietzell     (2011)
nach der Bearbeitung von Maya Fanke und Doris Happl

 

Offener Raum.
Es ist mitten im Wald. Tannengeruch, Nadeln. Dieser Wald scheint unheimlich, gibt aber auch Geborgenheit. Die Tannen sehen alles, die Bäume flüstern, singen und erzählen den Kriminalfall, nach und nach geben sie Informationen preis, die Zuschauer sitzen hier im Geschehen und müssen hin und her schauen, auch den Kopf mal drehen. Was ist geschehen damals auf dem Tannöd-Hof und was passiert jetzt?

Die eigenbrötlerische Bauernfamilie Danner wird auf ihrem abseits gelegenen Berghof in Tannöd erschlagen aufgefunden. Es gibt keine Motive, keine Spuren, nur noch schneidende Angst im idyllischen Dorf. Schlag auf Schlag werden in szenischen Protokollen, Gesprächen und rückblendenden Reflexionen die Gründe für diese Tat aufgespürt, die in tiefe Abhängigkeiten, sexuelles Begehren, Schuld und Verstrickung führen.

 

Komprimierte, authentische Stellungnahmen von Dorfbewohnern werden mit Aussagen der künftigen Opfer zu einem dramatischen Bericht verflochten, der ein eindringliches Porträt einer bigotten, heuchelnden Gemeinschaft gibt.


Der Roman verarbeitete Details eines Mordfalls, der sich 1922 auf dem nicht mehr existenten oberbayerischen Einödhof Hinterkaifeck ereignete.


Szene aus Tannoed


Die Theatergruppe:
Jeden Donnerstagabend trainiert im Theater in der List eine Gruppe von Theaterbegeisterten unter der Leitung von Tim von Kietzell. Es entsteht ein sehr dichtes körperbetontes Spiel mit Spielfreude und vielen auch lustigen Szenen in dem eigentlich sehr düsteren Theaterstück.

Mitwirkende: Renate Behrendt, Friederun Bretschneider, Heike Brückner, Moritz Dux, Susanne Herbold, Hanna Kastein, Gerhard Knerr, Maren Konn, Angela Krause, Susanne Langsdorf, Susi Peter, Günter Stückemann, Bame Ekkehard Rieger.
Inszenierung: Tim von Kietzell

Bühne: Wolfgang Heinrich und Tim von Kietzell

Musikalische Leitung: Klaus Wössner

Kostüme: Sabine Mech
Fotos: Joachim Giesel

 

Seprarator

Presse

 

Neue Presse (10.9.11/ hol):

Als Buch war "Tannöd" von Andrea Schenkel ein Megaseller; jetzt hat ein Ensemble von zwölf theaterverrückten Amateuren unter der Regie von Tim von Kietzell die schauerliche, nach einer wahren Begebenheit erzählte Mordgeschichte aus Oberbayern auf die Bühne im Theater in der List gebracht.

Von Kietzell lässt den Wald die Geschichte erzählen, ganz aus dem Dunkeln heraus, ohne Kulissen, ohne festgelegten Ort, sehr dicht, traumhaft. Die vielen Zeugenaussagen sind auf die 12 Darsteller verteilt, ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht; die große Verwandlungsfähigkeit und hohe Präsenz der Akteure machen es möglich. Doch vor allem schafft es die Inszenierung, die unheimliche Atmosphäre durch optische und akustische Reize zu versinnlichen. Ein Baumstamm wird mit der Kettensäge bearbeitet, ein Akkordeon atmet schwer. Chorgesänge schaffen starke Höreindrücke. Als Gegengewicht sucht von Kietzell komische Momente, kreiert witzige skurile Typen. Gelegentlich droht die groteske Charakterisierung in Klamauk umzuschlagen, doch die direkte, teilweise aggressive Ansprache der Zuschauer sorgt für spannende Unruhe.

Eine gelungene Adaption für die Bühne, ein gelungene Premiere. (**** vier von fünf Sternen)

 

 

Hannoversche Allgemeine Zeitung (13.9.11/Benne)

FALLE IM STALLE- Düster ist es hier. Manchmal bricht etwas Dämmerlicht durch die Zweige, das dann unheimliche Schatten über die Gesichter der Akteure huschen lässt. Die Zuschauer sitzen fast auf der Bühne, zwischen Baumstämmen und Holzklötzen, die einen dichten Tann andeuten. Und zwischen ihnen schleichen Dörfler durch das Dickicht. Verhuscht, verhärmt und verschüchtert sind diese Figuren. Und zugleich sind sie die missgünstigen und aggressiven Produkte einer repressiven Gesellschaft, bei denen ein mühsam unterdrückter Wahnsinn jederzeit hervorbrechen kann.

Tim von Kietzells Inszenierung des Kriminalromans "Tannöd" bleibt relativ dicht an der Vorlage, dem (...) Dunkel und undurchdringlich bleibt das Geschehen um die Morde im Stall. Nur der Wald hat alles gesehen, aber er steht schwarz und schweiget. Erst am Ende fügen sich die Bruchstücke der Handlung zueinander, das Verwirrspiel wird gelöst.

Die immerhin zwölf Akteure (besonders irre: Günter Stückemann als dubioser Nachbar der erschlagenen Familie und Hanna Kastein als Dorfdieb) übernehmen meist mehrere Rollen, und stimmen alle miteinander düstere Lieder oder eine Heiligenlitanei an. Lustvoll deckt das aus Theaterenthusiasten bestehende Ensemble menschliche Abgründe auf, und Regisseur von Kietzell gelingt es, mit sparsamen Mitteln viel von der beklemmenden Atmosphäre des Romans auf die Bühne zu bringen.

Großer Applaus.