Archiv: Schlaaand! Isch hab Heimat.


Eine Theaterexpedition ins eigene Land
Auf der Suche nach Heimat. Inszenierung: Tim von Kietzell. Premiere: 2011

 

„Was bedeutet für Sie Heimat? Welche Werte und Gefühle verbinden Sie mit Heimat? Wonach sehnen Sie sich? Was vermissen Sie? Was ist für Sie typisch "deutsch"?“

 

Diese Fragen haben wir Menschen gestellt, die nach Heimat suchen, weil sie ihre Heimat verlassen haben oder mussten. Menschen, die hier bei uns in "Schlaaand" aber noch keine Heimat gefunden haben, aber heimisch werden wollen. Wir haben in Internetforen gestöbert, um auf diese Fragen Antworten zu bekommen. Und daraus entstanden ist eine unterhaltende, tiefsinnige und experimentelle Collage aus Musik, Schauspiel und Bewegung.

 

 



Ein Theaterabend, der unsere Urinstinkte und unsere Sinne und Emotionen anspricht. Ein Abend voller Poesie und Ironie.


Schlaaand! Isch hab Heimat. ist ein Theaterstück, das unsere "Heimat" mit anderen Augen sieht und mit geschärften Sinnen erlebt. 5 Schauspieler aus Polen, Russland, Senegal und Deutschland, die in Hannover leben und hier ihre Heimat immer noch suchen oder schon gefunden haben, bringen ihre Wege und Umwege des Lebens in dieses Theaterstück mit ein.

Nach dem großen Erfolg von „Das Leben ist kein Ponyhof“ (2008) ist „Schlaaand! Isch hab Heimat.“ die zweite spannende Theater-Forschungs-Reise, die im THEATER in der LIST auf die Bühne kommt.

 

Wir danken der freundlichen Unterstützung durch den Bezirksrat Vahrenwald-List

die Region Hannover und die SpardaBank Hannover.

Darsteller: Inka Grund, Natalia Milovanova, Mamadou Diedhiou, Bohdan Swiderski

Mario Ehrenberg-Kempf (Bass/Sounds)

Kostüme: Sabine Mech

Bühne: Wolfgang Heinrich, Tim von Kietzell

Bühnenbau: Wolfgang Heinrich

Musik: Mario Ehrenberg-Kempf und Volksliedgut

Fotos: Joachim Giesel

 

 

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Presse

Deutsche Bären

"Schlaaand! Ich hab Heimat" im Theater in der List

 

...Mit dem Titel "Schlaaand!" hat man sofort das Sommermärchen 2006 im Kopf.

Regisseur Tim von Kietzell spielt in seiner neuen Inszenierung mit der positiven Erwartung der Zuschauer. Denn ganz so einfach ist die Völkerverständiguung nicht: von Kietzell bleibt kritisch und beschwört innerhalb von zwei Stunden einige Verständigungsprobleme herauf. Entstanden ist eine komisch-traurige und sehr bildstarke Theatercollage über Heimat und Fremdsein.

Vier Schauspieler stehen auf der Bühne. Zunächst sehen sie in ihren uniformen Bärchenkostümen etwas albern aus. Doch nachdem sie sich das Fell über die Ohren gezogen haben, zeigen sie ganz andere Identitäten. Die Darsteller stammen aus Deutschland, Russland, dem Senegal und Polen. An diesem Abend werden sie immer wieder ganz andere Identitäten annehmen.

In diesem Spiel, das auf Texten und Interviews beruht, kommen auch Vorurteile gegenüber die Deutschen auf die Bühne: Da gibt es einen Schilderwald zu sehen, das gepflegte Grün vor dem Reihenhaus und das nervige Nummernziehen auf dem Amt. Doch so harmlos bleibt es nicht: Auch Fremdenhass wird thematisiert, Angst vor der deutschen Sprache, Heimweh und Identitätssuche. Und als wäre das nicht schon bedrückende Wahrheit genug, verschwimmen auch noch Fiktion und Realität: Die Schauspieler begeben sich ins Publikum und stellen den Zuschauern Fragen: "Wo war dein Großvater eigentlich zur Reichsprogromnacht?", "Was hast du für Vorurteile gegen Russen?" Die Konfrontation sorgt für nachdenkliche Mienen.

Am Ende zeigt sich auf der Bühne ein Bild der Unordnung: Verkehrsschilder, eine Wasserballweltkugel, ein Weihnachtsbaum, Kunstrasen und Konfettischnee liegen wild durcheinander. Keiner hat sich die Mühe gemacht, Ordnung zu schaffen. Ist das Schlaaand?

Die Botschaft des Abends heißt wohl: Zeit mit den Vorurteilen aufzuräumen.

 

von Kira PIEPER

HAZ am 16.5.2011

 

 

Stadtkind Hannover: Schlaaand! Isch hab Heimat.
Was im Titel nach einer Fortsetzung der WM klingt, ist eine beeindruckende Theaterinszenierung rund um die Suche nach Heimat, Werten und Identität von Tim von Kietzell. Hier sind die Bären los! Sie tanzen vergnügt zur Musik des Bassisten Mario Ehrenberg-Kempf miteinander, als ob es kein Morgen gäbe. Erst, als es an der Zeit ist, sich aus dem Fell zu befreien, wird etwas deutlich: Und zwar, dass die Bärengemeinschaft sich gar nicht so ähnlich ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. „Willkommen in Deutschland, im Staat der Rechtsordnung, der Pünktlichkeit, der Sauberkeit und der Tradition.“

 Die Bären entpuppen sich als Darsteller unterschiedlicher Herkunft: Bohdan Swiderski stammt aus Polen, Natalia Milovanova aus Russland und Uwe Teuw Mamadou Diedhiou aus Senegal. Nur Inka Grund ist gebürtige Deutsche. Die drei Immigranten haben etwas gemeinsam, wie jetzt Inka Grund, geschlüpft in die Rolle der deutschen Moderatorin, zusammenfasst: „Sie alle haben einen Neuanfang gewagt und sich zu diesem Integrationskurs entschlossen.“

Abgefragt werden zunächst Nomen mit weiblichen, männlichen und sachlichen Artikeln, die von den Kursteilnehmern klischeehaft aufgesagt werden: „Die vergessene Pille“, „die Abtreibung“, „der Lustbereiter“, „der Autobesitzer“, „das Kind“ und „das Spielzeug“ heißen einige der Begriffe. Das Ganze mündet in einer ironischen Diskussion rund um die Frage, wie Deutschland eigentlich ist, während man sich beim Nummernziehen auf dem Amt trifft: „Deutsche haben die höchsten Cholesterinwerte“, heißt es von russischer Seite. „Es ist vor allem ein Land voller Verkehrsschilder.“ Und weiter: „Die Nachbarn respektieren einen mehr, wenn man zumindest ein Reihenhaus mit Vorgarten besitzt“, heißt es aus männlicher Umgebung. Aber bedeutet ein eigenes Haus automatisch ein Stück Heimat?

Worum es wirklich geht, wird spätestens klar, als die Darsteller ihre persönlichen Schicksale poetisch offenbaren: „Als ich nach Deutschland kam, war es, als hätte mir jemand die Zunge abgeschnitten“, „Heimat ist erst spürbar, wenn sie nicht mehr da ist – so wie gute Luft“ oder „Heimat ist immer etwas Verlorenes, wie eine Sehnsucht, die sich nie erfüllt“ lauten die O-Töne. Betroffenheit macht sich in den Zuschauerreihen breit. Ausgerechnet jetzt ist auch noch Weihnachten und der Tannenbaum wird geschmückt. Kein Wunder, dass da ausgerechnet der Pole zum Alkohol greift und Witze über Hitler reißt. Plötzliche Stille im Publikum. „Warum seid ihr so angespannt?“, fragt er, „bleibt locker!“ Höchste Zeit für die Darsteller, wieder zur Arbeit zu gehen. Aber auch das scheint hier schwieriger als gedacht: „Noch 14 Tage, dann habe ich meine Arbeit erledigt“, sagt der Senegalese, während die Deutsche verdeutlicht, wie es auch bei uns zugehen kann: „Noch 14 Formulare, dann fange ich erst mit meiner Arbeit an!“

Wenn unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen. Am Lagerfeuer treffen sich alle vier Darsteller, feiern und singen zusammen. Jeder darf seine Nationalhymne vortragen, die deutsche Darstellerin gibt ein Medley aus deutschem Liedgut zum Besten und die feucht-fröhliche Basis für Witze ist wieder hergestellt: „Warum trinken Polen Wodka, Franzosen Rotwein und Deutsche Bier? Antwort: Damit sie sich an der Fahne erkennen!“ Und auch für einen französischen Rap des Senegalesen ist Platz, für den sich das Publikum mit begeisterten Pfiffen bedankt. Da aber Völkerverständigung so eine Sache ist, reagiert der Künstler mit Provokation: „Hat er toll gemacht, der Neger! Das denkt ihr doch, oder?“ Es folgt ein interaktives Spiel. Das Publikum wird aufgefordert die Vorurteile gegenüber Polen, Senegalesen, Russen sowie Bayern und Ostdeutschen zusammenzutragen. Auf so viel Action folgt nun das Fazit: „In Deutschland geht es uns gut. Wir haben genügend zu essen, und unsere Kinder können die Schule besuchen.“ Nichtsdestotrotz bleibt da aber immer diese gewisse Sehnsucht: „Die ursprüngliche Heimat ist eine Mutter, die neue Heimat eine Schwiegermutter.“

Was bedeutet Heimat? Welche Werte und Gefühle verbindet man damit? Und was ist typisch deutsch? Diese Fragen wurden Schauspielern gestellt, die immer noch nach Heimat suchen oder sie bereits gefunden haben. Herausgekommen ist eine tiefsinnige, ironische und emotionale Collage mit Musik, Schauspiel und Bewegung. Ein ambivalentes und berührendes Stück rund um Sprache, Identität, Fremdenhass, Vorurteile, Barrieren, Blickwinkel, Klischees und Angst. In einem sind sich die Schauspieler schließlich einig: „Nur wer seinen materiellen Körper verlässt, kann Heimat erfahren.“ Schade, dass es die letzte Vorstellung war. Und höchste Zeit mit Vorurteilen aufzuräumen!


Anna Pakosch

Stadtkind Hannover Juli 2011

 

 

Publikumsreaktionen

"Liebes Team des Theaters in der List,
nochmals DANKE für die großartige Inszenierung von "Schlaaand". Wir hatten einen innerlich bewegten Abend und werden das Stück sehr gern weiter empfehlen. Direkt schon geschehen über Facebook.  =)
"Hervorragend, tiefsinnig. Spannend und mit großartigen schauspielerischen Leistungen."

"Ein wunderbares Stück. Danke. Ich habe mich sehr gefreut, weil ich so viele Gedanken zum Thema Heimat erlebt habe. Ich kann und werde ganz viel darüber nachdenken. Eins ist versprochen: Ich werde davon erzählen."
Edit Bastian (Bezirksbürgermeisterin Vahrenwald-List)