Archiv: Rashomon


nach Ryonusuke Akutagawa - Eine Inszenierung des TheaterErlebnis – Premiere 04. Mai 2002

Die Erzählung "Rashomon" spielt im japanischen Mittelalter, in der Welt der Samurais. Das Stück spielt im Jahre 2002. Ein Räuber gewinnt zunächst das Vertrauen eines Ehepaares, das auf Reisen ist. Er begleitet das Paar ein Stück, überfällt es, fesselt den Mann und vergewaltigt die Frau. Am Ende ist der Mann tot. In der folgenden Gerichtsverhandlung sagen der festgenommene Räuber, die junge Frau und der durch eine Wahrsagerin angerufene Geist des Toten aus. Alle drei Aussagen widersprechen sich fundamental. Alle drei "Zeugen" erzählen eine andere Geschichte. Die Fragen nach Schuld und nach dem wirklichen (?)Tathergang bleiben offen.

Es geht um Gewalt, wie sie entsteht, um Verbrechen und um die mühselige, vergebliche Suche nach Wahrheit. Selbst der Geist des Toten macht eine zweifelhafte Aussage und trägt nichts zur Wahrheitssuche bei. Das TheaterErlebnis zeigt das Stück in einem verlassenen, etwas herunter-gekommenen Supermarkt, umfunktioniert zu einem "Theater".

Der ehemalige Penny-Markt in Hannover-Nordstadt in der Nachbarschaft des ehemals besetzten Sprengelgeländes war in den Neunziger-Jahren von Chaos-Tagen und Plünderung betroffen. Deutschlandweit flimmerten damals die TV-Bilder aus der Nordstadt Hannovers in den Wohnstuben. Dieser Hintergrund soll in der Inszenierung behutsam berücksichtigt werden.

So wächst vielleicht ein Gesamtkunstwerk = Theater +Raum + Fassade. Im Mittelpunkt die Geschichte "Rashomon" und die Theater-Inszenierung. Dazu der Raum, den sich die Schauspieler und die Schauspielerin "erobern", sich erspielen. Mit den zugemauerten Schaufenstern, den leeren Personalräumen und seiner Geschichte. Drittes Element ist das Gesicht des Theaterraumes nach außen, zu den Passanten, zum Stadtteil. Junge Künstler gestalten die Supermarkt-Fassade als 40m lange, 3m hohe, unterbrochene Straßenkunst in Rot, Silber und Schwarz. Eine vielfältige Gruppe und Helfer arbeiten so zusammen. Gelingt ihnen das Theater-Experiment "Rashomon" im Brennpunkt einer "Modernen Großstadt"?

 

 

Rashomon

 

 

Massago, Frau: Ruth Schnell
Takehiro, Mann: Driss Kholte
Tajomaru, Räuber: Wolfgang Scheiner
Filialleiter: Harrie Müller-Rothgenger
Inszenierung: Tim von Kietzell
Regieassistenz: Lea Kohns, Sebastian Strehler
Musik: Andreas Unsicker
Kostüme: Sabine Mech
Raum-, Bühnenausstattung: Wolfgang Heinrich
Technik, Einrichtung: Olli Klocke
Produktionsleitung: Harrie Müller-Rothenger
Gestaltung Programmheft, Plakat: Uta Melletat

 

Theaterraum:

Ehemaliger Penny-Markt
Schaufelder Straße 8/9
30167 Hannover-Nordstadt

Herzlichen Dank für Unterstützung an:
Sanierungsabteilung des Stadtplanungsamtes,
Stadtsparkasse Hannover, Stadt Hannover,
Land Niedersachsen, Bezirksrat Nord,
Kulturamt, Fa. Penny, Niedersächsische Lottostiftung.

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Presse

 

Das "TheaterErlebnis" spielt "Rashomon" im Supermarkt

Pressearchiv: RashomonNichts ist leerer als ein leerer Supermarkt. Dennoch spielen sich in dem Raum, wo einst Nollmann's Wurstspezialitäten verkauft und für ein Putzmittel mit dem Slogan "Blitzblank mit blanko rein" geworben wurde, unheimliche, Szenen ab. Aus dem früheren PennyMarkt in der Schaufelder Straße in Hannover wurde nämlich der Rashomon, der japanische Wald der Dämonen und der Versuchung. Und dort geschieht ein brutales Verbrechen. Ein Räuber (Wolfgang Scheiner) überfällt ein Ehepaar, vergewaltigt die Frau (Ruth Schnell) vor den Augen des gefesselten Mannes (Driss Kholte) und tötet ihn dann.

Aber nur scheinbar, denn nach dem Mord sagen die daran Beteiligten vor einem imaginären Gericht aus, und jedes Mal wird der tödliche Vorfall anders dargestellt. Doch welcher der drei Versionen soll der Zuschauer, der natürlich in die Rolle des Gerichts gedrängt wird glauben? Eine Frage, die die hannoversche Gruppe "TheaterErlebnis" um Regisseur Tim von Kietzell, offen lässt. Und die auch die Zuschauer am Ende der 80minütigen Inszenierung (frei, nach einer Erzählung von Ryonosuke Akutagawa) nicht beantworten können, obwohl sie bei ihrer Wahrheitssuche sogar bis in den bedrückend niedrigen und beklemmend finsteren Keller des PennyMarktes hinabsteigen mussten.

Die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion ist eben fließend. Besonders wenn Gewalt und ihre Ursachen thematisiert werden. Das ist zwar keine neue Erkenntnis, wird aber dennoch gern übersehen vor allem wenn gerade mal. wieder eindeutige Antworten verlangt werden. Genau das war auch der Fall während der hannoverschen ChaosTage Mitte der neunziger Jahre, für die der damals geplünderte PennyMarkt beinahe symbolhaft steht. Die Wahl des Spielorts ist sinnvoll, und den ordentlich bis überzeugend agierenden Schauspielern gelingt es, dem kaum veränderten Raum eine Atmosphäre zu geben, die mal bezaubernd, mal beängstigend ist. Zwar wirkt manche Szene ein, wenig zu artifiziell und der Spannungsbogen hängt an einigen Stellen heftig durch, aber ein Besuch ist dieser "Rashomon" allemal wert. Vorausgesetzt, man leidet nicht unter Klaustrophobie.
ERNST CORINTH

Hannoversche Allgemeine Zeitung

6. Mai 2002